Aus "Basilisk"

Was mich an der allzu leichtfertigen Annahme von Modeformalismen stört, ist ihre Ursache: Man hat dem Modediktat keine erkannte, aufgesuchte, entwickelte Individualität entgegenzusetzen. ›Auf–, nicht durchfallen‹ lautet inzwischen die Devise in unserer ›Piktogramm-Gesellschaft‹, in einem Buch, verfasst von zwei routinierten Medientrainern; auf den zweiundzwanzig letzten Seiten gibt’s Regeln für’s tägliche Leben vom Telefongespräch bis zum tv-Auftritt, die aber das persönliche Coaching nicht ersetzen können!
Mitläufertum hat viele Formen. Wähle aus deinem Typ aus, was dir passt, mach aus deinem Typ das Beste: Magst du aussehen wie der ›Renegade‹, weißes T-Shirt, Jeans, Cowboy-Stiefel, Harley-Davidson, Sonnenbrillen im Piloten-Design, schulterlanges Haar, wahlweise und zu unterschiedlichen Anläßen offen oder als Zopf getragen? Oder wie der junge, erfolgreiche Börsen-Magnat mit dem anthrazit-grauen Porsche, der so cool die Ärmeln seines 10.000- Dollar-Anzuges von den Unterarmen hochkrempelt, damit man seine Rolex besser sehen kann? Es gibt, versichert man mir, die Möglichkeit, 200.000 Schilling als Gewand am Körper zu tragen: beginnend bei den Socken um 2.000, den frühlingshaft gelochten Schuhen von Piagnelli um 14.000, die dann der Sekretär entsorgt, weil leider ein dampfender Hundehaufen beim jugendlich, allzu schwunghaften Aussteigen aus dem Jaguar im Weg war, … da muß es doch die Überlegung geben, diesen inneren Film, der so etwas wie Lächerlichkeit im Drehbuch nicht geplant hat: Wenn ich unterwegs bin, geschäftlich sozusagen, trage ich einen toughen Roßschwanz, gebündelt, bereit für Action; zum Geschlechtsverkehr, für intime Stunden werden die Haare geöffnet getragen, um die Leidenschaft besser auszudrücken? Ein Anblick von vorne wie Indira Ghandi, lächerlich, aber nicht an sich, sondern verächtlich, weil es nicht diskutierbar ist oder kommentierbar, z.B. mit den Worten; ja, weil ich eitel bin, ich liebe dieses Stückerl Wildromantik an mir, ich habe sonst keine geistige Zuflucht mehr, wo ich lieber wäre als hier, wohin ich mich selbst — und um wirtschaftlich überleben zu können — manövriert habe.
Roßschweif, du dinghaft gemachtes letztes Reservat der gnädig zugestandenen erlaubten Freiheit in einem dichtgedrängten Fahrplan der Zwänge, die romantische Idee der Indianer, haargeworden, eine späte Rache. Verböten es uns nicht die Gesetze der Ästhetik, gingen sie nach geeignetem Vorbild mit offenem Hosenstall auf die Straße (kommt schon noch); verböten es die Gestze der Hygiene nicht, mit dem Morgenstuhl als Kopfbedeckung (god forbid!); die Gesetze der Orthopädie, mit zehn Zentimeter hohen Plateausohlen und noch höheren Stöckelabsätzen (…). Sie lieben es, besonders seriös angezogen zu sein, mit Handy und genagelten Schuhen, teurem Anzug, doch mit nonchalant, bubenhaft unbekümmert in die Hosentasche gesteckter Hand, mit den Problemen der Welt wird man ja schließlich einhändig fertig, sich jedoch mit dem Flair der Drogendealer in Hollywoodbesetzungen zu umgeben, das bißchen Wildheit damit andeutend, mit dem sie interessanter wirken wollen. Setz dich aufs Topferl und verrichte dein Geschäftchen, mach deine kleinen Konsumentengeräusche mit denen die ganze Stadt, die ganze ›zivilisierte‹ Welt erfüllt ist, tick, tick, tick, kotz, kotz, brmm, brrm, die Stöhngeräusche deines obsoleten, leidenschaftslosen Lebens, damit du dich nicht selbst spürst, nicht Gefahr läufst auf dich selbst zu treffen, mit dir konfrontiert zu werden, da liegt noch braches Konfliktpotential, erzeuge deinen blödsinnigen Hintergrunzgeräuschpegel; füll dein kleines Konsumentenleben an mit Verpackungsflocken aus Styropor, hinterlaß uns deinen Packungsleerraumfüll-Sondermüll.
Fahrt nur ruhig mit Teeservice und passendem Besteck, mit tiefen und mit flachen Tellern, mit im Muster zur Liegedecke passenden Servietten auf Erlebnisurlaub, vielleicht bemerkt ihr euren Verlust der Improvisationsnotwendigkeiten knapp über den Steinzeitmöglichkeiten eines Tages, laßt eure Ärmel länger als Arme wabbelig an eurer Seite baumeln, eure unbelichteten Marshmallow-weichen Finger haben bereits den Halt zur Realität verloren, »… mein Zirkel ist kaputt, ich brauch’ einen neuen …«, obwohl der Erfindungsreichtum des Bauern, der, um das Schaf seines Nachbarn zu vergewaltigen und dabei nicht getreten werden will, dazu die in der Nähe stehenden Gummistiefel verwendet, indem er die Hinterbeine des Tieres in die Schäfte steckt, und sich dann zur Fixierung derselben auf die nach hinten gedrehten Fußteile stellt, mir schon Schauer der Bewunderung abringt.
Es gilt als eine der gröbsten Beleidigungen, das Auto eines Kontrahenten anzupinkeln, da hat man mit dem Ärgsten zu rechnen; sonst stille Menschen, vorbildhafte Familienväter voll Phlegma, werden zu rasenden Bestien, sagt Christian mir, eure überzogenen Handzeichen, die Hektik, die ihr ausstrahlt, die angestrengten Selbstdarstellungsbemühungen, der aufbegehrende Beschwerdeton, man würde schlecht, ungerecht behandelt, ist nur die Kompensation für eure innere Erstarrtheit.
Und schon wieder einmal sind die Unterschiede nur äußerlich: gerade noch war es das Roßschweiferl, jetzt ist der »Gitzi«-Bart, ziegenbärtig bis präraphaelitisch-jesoid, eine Barttracht früher hauptsächlich von frei vazierenden Vertretern getragen, oder Peter-Rapp-Imitatoren, das Schweiferl ist durch die Bevölkerungsschichten durchgesickert, von ›oben‹, der kreativen Avantgarde, bis nach ›unten‹, den Handwerkern, Hilfsarbeitern und Arbeitslosen, also kann kein dernier cri-Adept noch ein Roßschwanzerl tragen, wohl aber vielleicht einen Kinnspitzenbart, wie phantasievoll façoniert auch immer, wissen wir überhaupt, was wir damit anstellen, wo wir in den sublimen Mitteilungsstrom der gegenseitigen Zurkenntnisnahme eingreifen und ihn verwirrend neugestalten, wenn wir unser Verhalten und Aussehen nach Belieben und dem jüngsten Quodlibet folgend verändern? Er ist jedoch kein unbedingter Garant für Zuordnung mehr, vielleicht jedoch in gleichzeitig getragener Verbindung mit einer Schirmmütze oder einem durch die Augenbraue gepiercten Ring, denn noch immer ist diese Bartracht aus dem Kostümbild der Gesellschaft nicht ganz geschwunden, noch immer tragen zu viele Gestrige diese Manneszierde …
In Wirklichkeit und aus der Nähe besehen ist es jedoch ein ekelhafter, anti-demokratischer Akt der Feigheit, denn sie tragen nämlich nicht das, was ihnen selbst gefällt sondern was den anderen gefällt, sie befolgen ein Diktat: Widerstand kennen sie nur gegen Obrigkeiten und gemeinnützige Einrichtungen. Wie anders haben wir uns das Innenleben des Kopftuchträgers vorzustellen, der im Licht des Tages und erhobenen Hauptes ein knapp an den Kopf geknüpftes Tüchlein trägt, wie es seit ein paar Jahren Rapper, Raver und Skater tragen, vor ihnen aber eher Piraten, Zigeuner (na gut, das hatte ja noch den Hauch einer Romantik an sich), und in unserem Jahrhundert Bäuerinnen, Melkerinnen, Hausfrauen und die Ziegelweiber oder Schuttfrauen der Aufbaujahre nach dem Krieg. Bevor dieser Kopfschmuck Mode wurde, hätte man wohl keinen Mann zwingen können, sein Haar damit zu bedecken, sobald jedoch einige wenige ›Peer-Leader‹ den Ton damit angegeben haben ist es plötzlich schick, cool, leiwand, toll, wasauchimmer, Verrat am eigenen Geschmack, Abtötung der Seele.
Halb im Scherz, halb als Diskussionsgrundlage meine ich, daß ich es nicht ganz vertreten kann, mich mit jemandem mit Zopferl und Flinserl blicken zu lassen. Sein Blick jedoch ist bereits woanders, er hat kein Bedürfnis irgendetwas aufzuklären, sich da jetzt wegen mir den Kopf zu zerbrechen, sich vielleicht gar noch zu rechtfertigen.